Warum ich aufgehört habe, Namaste zu sagen

Warum sagt man nach der Yogaeinheit Namaste, weshalb habe ich damit aufgehört und was bedeutet dieses Wort eigentlich?


Ich habe diesen Blogpost schon vor einer langen Zeit begonnen, immer wieder umgeschrieben und ihn aber aufgrund meines Perfektionsbedürfnisses dann doch nie ganz fertiggestellt. Kurz umfasst geht es um Namaste und was das mit kultureller Aneignung zu tun hat. Schon mal davon gehört? Ich lange Zeit auch nicht. Das ist ein Thema, bei dem Menschen wie ich (weiß, deutsch, verliebt in die Yogawelt, praktiziert Yoga und unterrichtet darüber hinaus auch), noch viel lernen können.


Mein Anspruch, Yoga in seiner ganzen Fülle und Tiefgründigkeit zu vermitteln ist schon immer da. Je mehr ich mich allerdings damit beschäftige, desto mehr wächst der Druck in mir, alles richtig übermitteln zu müssen. Mittlerweile habe ich aber gemerkt, dass ich das nicht kann. Denn es wird immer Themen geben, die ich nicht zur Gänze verstehe oder verinnerlicht habe. Schon allein, weil ich in einer ganz anderen Kultur als der indischen großgeworden bin und ich zum Hinduismus oder Buddhismus sowie zum Sanskrit (der Sprache des Yoga) immer einen anderen Bezug haben werde, denn es ist etwas anderes, nur darüber zu lesen und sich zu informieren, als es wirklich zu erleben. Also versuche ich mal, mich in Entspannung zu üben, während ich einen Blogartikel veröffentliche, der meinem Anspruch an Richtigkeit mit Sicherheit nicht zu 100% zu erfüllen wird. Aber das macht das Ganze ja so spannend, denn wer weiß: vielleicht liest du ihn und hast mir dazu noch einiges zu erzählen. Dann kann ich etwas von dir lernen und mich weiterentwickeln!


Nun aber zum eigentlichen Thema:


Namaste

Früher habe ich Namaste sehr oft verwendet. Habe es als eine Art Ritual übernommen, ganz ohne, mir dabei viel zu denken. Mehr und mehr habe ich es aber doch sein lassen, weil es sich für mich irgendwie unecht anfühlt, nicht wirklich authentisch. Außer meiner Yogapraxis und Ausbildung zur Yogalehrerin habe ich keinen weiteren Bezug zu Sanskrit. Mit der Zeit allerdings, als ich mehr über Yoga lernte und mein Interesse an all dem, was hinter Yoga und den Verrenkungen auf der Matte steckt, größer wurde, habe ich verstanden, dass es okay ist, Sprache und Gesten aus dem Yoga zu "übernehmen". Allerdings nur, solange das auf respektvolle Weise geschieht. Wenn nicht, kann das andere Menschen verletzen - Stichwort kulturelle Aneignung (cultural appropriation), darüber weiter unten mehr dazu.


Seitdem ich erfahren habe, was Namaste eigentlich bedeutet, kann ich mich wieder mit dem Wort verbinden. Und wenn dieses schöne Wort dann ganz bewusst über meine Lippen fließt, fühlt es sich nicht mehr seltsam an.


Die wörtliche Übersetzung von Namaste

Hinter Namaste schwingen ein paar schöne Bedeutungen mit: das Göttliche in mir grüßt das Göttliche in dir. Oder das Schöne in mir grüßt das Schöne in dir. Oder meine 10 grüßt deine 10.


Ich selbst habe diese Übersetzung auch immer so weitergegeben. Wörtlich übersetzt stimmt das allerdings nicht so ganz. Das erste mal, als ich erfahren habe, was Namaste eigentlich heißt war, als ich Susanna Barkataki darüber sprechen hörte. Sie selbst ist Yogalehrerin, hat indische Wurzeln und klärt über die Ursprünge des Yogas sowie über kulturelle Aneignung auf.


Folgende Übersetzung von Namaste habe ich von ihr. Den ganzen Artikel kannst du hier auf ihrer Seite detaillierter nachlesen. Zusätzlich hält sie über 60 kreative Optionen parat, die du anstelle von Namaste sagen kannst.


Namas bedeutet reverence, adoration, salutation, bowing.

Auf deutsch also soviel wie Ehrfurcht, Verehrung, Verbeugung, Begrüßung. Ehrfurcht finde ich persönlich allerdings ein zu krasses Wort, weil es um die Verehrung und den Respekt vor einer (lt. Definition) höher stehenden Person in Zusammenhang mit Furcht geht. Erstens steht kein Mensch über einem anderen und zweitens, wenn ich mich vor jemandem fürchte, würde ich mich nicht vor seinem/ihrem Auftritt verbeugen. Daher empfinde ich den Begriff der Begrüßung oder Verehrung im Sinne von Wertschätzung meines Gegenübers viel ansprechender.


te (kurz für tubhyam) bedeutet to you.

Die deutsche Übersetzung spare ich mir.


Namaste ist also die Verbeugung/Verehrung/Wertschätzung vor dir oder auch schlicht gesagt, eine Begrüßung an dich. Wobei damit dein Gegenüber gemeint ist.


Was mir besonders die Augen geöffnet hat ist, dass in diesem kurzen Wort der Bezug nicht auf derjenigen/demjenigen liegt, die/der sich verbeugt. Es steht einzig und allein die andere Person im Mittelpunkt. Es geht hier also nicht um das Schöne oder das Göttliche in mir oder um meine 10. Es geht um mein Gegenüber.


Das mag vielleicht nach keinem großen Unterschied klingen, indem ich Namaste jedoch bewusst sage, ist meine ganze Aufmerksamkeit bei meinem Gegenüber, anstatt mich wieder miteinzubeziehen. Der Gruß an eine andere Person gebührt also zu 100% ihr. Schön, oder?


Namaste am Ende der Yogaeinheit?

Ganz abgesehen davon, dass Namaste nur die Person Gegenüber und nicht einen selbst in den Mittelpunkt stellt, verrät vor allem ein wichtiges Wort, warum Namaste wenn dann zum Beginn, nicht aber zum Ende der Yogastunde passt.

Du hast es bereits gelesen, hier aber nochmal: In der Übersetzung von Namaste kommt das wichtige Wort salutation vor, also Begrüßung. Um die Begrüßung und Verbeugung zu verdeutlichen legt man während der Geste des Grüßens auch die Handflächen in Anjali Mudra aneinander. Nach der wörtlichen Übersetzung her passt es also gut zum Beginn, weniger aber am Ende der Stunde.



Kulturelle Aneignung vs. Wertschätzung

Namaste ist ein absolutes Modewort geworden. Hier und da ist die Betonung eine andere, Namaste klebt auf Stickern und auf Kleidung. Auch ich selbst hatte mir schon ausgemalt, T-Shirts damit zu bedrucken.


Wenn ich allerdings Menschen wie Susanna Barkataki zuhöre, verstehe ich, dass das Benutzen und einfache Übernehmen von Gesten, Ritualen, Sprache, Kleidung usw. nicht ganz ohne ist. Was oft passiert ist, dass wir kulturelle Schätze übernehmen, dieses Kulturgut (egal ob Sprache, Gestik, Schmuck, usw.) aber nicht im eigentlichen Sinn wertschätzen, geschweigedenn dessen Herkunft sinngemäß vermitteln.


Von kultureller Aneignung spricht man dann, wenn ein Kulturgut einer Kultur übernommen wird, die unterdrückt, diskriminiert oder in irgendeiner Weise benachteiligt wurde (so z.B. durch die Kolonialherrschaft - ist noch nicht so lange her) bzw. wird. Yoga kommt aus Indien, die Yogaschulen in den westlichen Ländern sowie die Instafeeds sind aber voller weißer YogalehrerInnen. Wenn also insbesondere weiße Menschen, die in der Vergangenheit und heute auch noch das Leid anderer Völker verursachen bzw. verursacht haben, wenn also übernommen wird was heilig ist und die Herkunft nicht vermittelt und respektiert, sondern das Kulturgut nur vermarktet wird, dann ist das (auf englisch passt es so gut) appropriation und nicht appreciation. Und das kann verletzen.


Ich versuche zu lernen und weiterzugeben, was ich verinnerlicht habe, aber das ist nur ein kleiner Teil (denn ich befinde mich erst am Beginn der Reise). Über kulturelle Aneignung im Yoga kann wohl kaum jemand besser sprechen, als Personen mit indischen Wurzeln oder Personen, die selbst eine andere Kultur erleben, als die westliche, weiße Kultur, in der ich geboren bin und von der die größte Aneignung ausgeht.


Wenn dich das Thema auch mehr interessiert, schau z.B. bei Susanna Barkataki oder bei decolonizingyoga.com vorbei (dort findest du dieses super informative Video). Aber auch der Artikel von Fuckluckygohappy sowie der von Rachel Brathen (Yogagirl) sind sehr interessant.


Diese Denkanstöße haben bei mir das bewirkt, was ich brauchte: sie haben mich zum Nachdenken gebracht. Ich verstehe oder erfasse bis jetzt ohnehin nur einen kleinen Teil von alldem. Aber ich mache mir Gedanken dazu: auf welche Weise vermittle ich die Wurzeln des Yogas, wie kann ich es besser machen, übernehme ich Sprache oder Rituale ohne nachzudenken und wie kann ich dieses wertvolle Kulturgut wertschätzen und respektvoll damit umgehen?


Die spirituelle Bedeutung von Namaste

Hinzufügen möchte ich natürlich noch, dass es abseits der wörtlichen Übersetzung auch noch eine spirituelle Bedeutung gibt. Auf dieser Ebene ist es garnicht so falsch, zu sagen, dass "das Göttliche in mir das Göttliche in dir grüßt". Denn im Yogaverständnis tragen wir ALLE das Göttliche in uns und sind dadurch bereits vollkommen - von Beginn an. Für mich ist das eines der bedeutendsten Grundlagen der Yogaphilosophie: wir sind nicht wie im Christentum mit einer Sünde auf die Welt gekommen und unser Ziel ist auch nicht das Auffüllen von Mangelzuständen in uns, womit wir uns im Alltag oft wiederfinden. Nein, wir tragen von Beginn an das Göttliche in uns, das es gilt, wieder freizulegen und zu ihm durchzudringen. Sich mit der eigenen Vollkommenheit zu verbinden.


Umso schöner, wenn mit der Begrüßung nicht nur der Respekt und die Wertschätzung an mein Gegenüber mitschwingt sondern auch die Anerkennung der Göttlichkeit, der Vollkommenheit, die mein Gegenüber in sich/ihr trägt. Und es schwingt auch das Bewusstsein nach Gleichheit mit, denn wenn in uns allen ein göttlicher Funke sitzt, sind wir in unserem inneren Kern alle gleich. Hier kannst du mehr darüber lesen.


Nobody is perfect - und muss es auch nicht sein!

Wo auch immer du dich auf deiner Yogareise befindest, dieser Blogartikel soll weder richtig noch falsch und auch nicht die einzige Wahrheit vermitteln. Denn die habe ich mit Sicherheit nicht (gibt es sie überhaupt?). Er soll lediglich ein Denkanstoß an die eigene Praxis und ein wunderbarer Beweis dafür sein, dass man nie auslernt.


Wie so oft im Leben geht es nicht darum, alles perfekt zu machen, sondern vielmehr darum, offen für neues Wissen und Erfahrungen zu sein. Darüber, Klarheit zu erlangen, wo vorher Unsicherheit war und sich vor allem auch erlauben, zu sagen: huch, das habe ich vorher nicht gewusst. Wie gut, dass ich es jetzt weiß. Und von da aus können wir uns weiterentwickeln.


Seit ich also weiß, was wirklich hinter Namaste steckt, habe ich wieder viel mehr Bezug zu diesem Wort. Es ist nicht irgendeines, das in jeder Yogaeinheit gesagt und in vielen Instafeeds steht, sondern ein Wort, mit dem ich etwas anfangen kann, weil ich den Sinn dahinter kenne.


Ich freue mich auf Rückmeldung von dir und über einen Austausch zu diesem Thema. Füge jederzeit etwas hinzu oder mach mich darauf aufmerksam, wenn ich inhaltlich etwas nicht korrekt oder nicht ausreichend überliefert habe.


In diesem Sinne,

Namas.... Hups. Das gehört nach oben!

Cora


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